Wenn Herr Müller sich über das Essen ärgert und Frau Seidel schimpft, dass sich „niemand“ um sie „kümmert“, dass sind das aggressive Äußerungen, die zeigen, dass diese Menschen mit dem, was ist, unzufrieden sind und etwas ändern, etwas „anders“ haben wollen. Das ist ihr gutes Recht und es gilt auch für Menschen mit Demenz, dass sie das Recht haben, sich zu ärgern.

Solche aggressiven Gefühle sind normal und fast alle Mitarbeiter/innen in der Altenhilfe können damit umgehen. Schwieriger wird es, wenn Aggressivität zur Gewalt wird. Die Übergänge sind fließend und es gibt weniger genaue Definitionen als ein deutliches Spüren, wann und wenn Gewalttätigkeit beginnt. Die Betroffenen fühlen sich verletzt, körperlich wie seelisch – das ist das wichtigste Kriterium. Solche Verletzungen durch Gewalttätigkeiten brauchen nicht nur körperlich erfolgen. Es gibt auch seelische Verletzungen, die nachhaltige leidvolle Auswirkungen bewirken.

Gewalttätigkeiten können deshalb unterschiedliche Ausdrucksformen haben:
– körperliche Attacken wie Schläge, Bisse, Spucken, Kneifen …
– sexualisierte Gewalt wie Berührungen im Intimbereich, erzwungene Berührungen …
– verbale Angriffe, Beleidigungen, sexuelle Anmache, Abwertungen, rassistische Verletzungen …

Auch bösartige Menschen werden alt

Wir Menschen haben alle die grundsätzliche Fähigkeit des Mitgefühls. Wir können uns in das Leiden anderer Menschen hineinversetzen. Wir sind so in der Lage, deren Schmerz zu spüren. In bildgebenden Verfahren haben Neurobiolog/innen zeigen können, dass dabei spezialisierte neuronale Systeme im Gehirn aktiv sind. Die Teilsysteme im Gehirn, die das Mitgefühl ermöglichen, werden Spiegelneuronen genannt.

Nun können Menschen diese Fähigkeit verloren haben. Dieser Verlust geschieht nicht aus heiterem Himmel, sondern durch Erfahrungen von Bösartigkeit und Prügel und unterlassener Hilfeleistung, vor allem, wenn Gewalterfahrungen verbunden sind mit der „Leere danach“, dem Alleinsein, dem Fehlen von Mitgefühl, Trost usw. Dann werden die Gewalterfahrungen weitergegeben, dann entsteht Rohheit und gewalttätiges Verhalten. Es ist bekannt, dass es solche Rohheit häufig gegenüber Kindern gibt, die sich in Schlägen, in sexueller Gewalt und anderen Erniedrigungen äußert. Solche rohen und verrohten Menschen werden alt und pflegebedürftig. Doch weder die Pflegebedürftigkeit noch das hohe Alter machen sie zu besseren Menschen. Durch Pflegebedürftigkeit erwerben sie nicht plötzlich die Fähigkeit zum Mitgefühl. Also setzen sie ihre Rohheit, die sich in Aggressivität und Gewalttätigkeit auslebt, fort. Wenn sie sie nicht mehr an ihren Angehörigen auslassen können, dann tun sie dies an Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern oder an den Menschen, die sie pflegen. Oft mündet die Gefühllosigkeit in offene Gewalt, oft schafft sie eine Beziehungsatmosphäre, die von anderen als gewalttätig empfunden wird.

Für viele alte Menschen sind Prügel und andere Gewalterfahrungen in Kindheit und Jugend sowie schlimme Kriegserfahrungen Gründe, die sie in die Rohheit getrieben haben. Kein Mensch, so unsere Überzeugung, wird verroht geboren, Menschen werden verroht gemacht. Doch schlimme Erfahrungen können erklären, aber nicht entschuldigen. Entscheidend für die Haltung gegenüber einem Menschen, der verroht wurde, ist, ob sich um wenigstens teilweise um mitfühlende und andere verstehende Beziehungen bemüht. Wenn er es ablehnt, sich in andere hineinzuversetzen, vor allem deren Leiden anzuerkennen, und die eigenen Gewalterfahrungen als “richtig” darstellt und weitergibt, dann ist er als Mensch ohne Mitgefühl und damit als bösartig zu bezeichnen:
Eine Gruppe „Alt und Jung“ trifft sich einmal wöchentlich donnerstags nachmittags im Pflegeheim. „Alt“ sind die Bewohner/innen des Hauses; „jung“ Schüler einer nahegelegenen Realschule im Alter von ca. 12/13 Jahren. Herr D. ist zum ersten Mal dabei und sieht zu, wie die Jugendlichen auf ihrem Handy spielen. Er versteht nicht, was sie tun, und fragt nach. Ein Junge erklärt ihm geduldig ein „Ballerspiel“.
Plötzlich beschimpft und beschämt Herr D. den Jungen. „Weichei“ und „Schlappschwanz“ waren noch die freundlichsten Bezeichnungen. “Bei Hitler wärst du nichts geworden!” Seine Generation, ja das waren die „echten Kerle“. „Wir haben so ein Scheiß` nicht gebraucht, wir haben noch mit echten Granaten und Bombensplitter gespielt“.
Es uns wichtig ist zu betonen, in verrohten alten Menschen auch die Opfer zu sehen, die sie einmal waren. Doch wir sind der Überzeugung, dass jeder Mensch irgendwann in seinem Leben die Wahl hat oder hatte, zumindest zu versuchen, den Weg des Bösen zu verlassen. Wer dies nicht tut, wer die Gewalttätigkeit gegen Kinder und erwachsene Menschen im Alter weiter auslebt, braucht ein klares Stopp, klare Grenzen, Solidarität der Kolleg/innen und eine eindeutige Intervention der Leitung. Hier bedarf es, auch wenn die verrohten Menschen alt und pflegebedürftig sind, anderer Reaktionen im Umgang mit ihrer Aggressivität und Gewalttätigkeit, als bei denen, die aus Unsicherheiten, Verwechslungen, Überforderungen und anderen Gründen aggressiv werden. Dies betrifft vor allem Menschen mit Demenz.

Gewalttätigkeit und Demenz: verschiedene Quellen, unterschiedliche Hilfen

Aggressives und gewalttätiges Verhalten von Menschen mit Demenz kann wie jede Aggressivität unterschiedliche Quellen haben. Pflegende und andere Begleitende sollten immer versuchen, so gut wie möglich nach diesen Quellen zu suchen. Die erste und zumeist wichtigste Hinweis, den wir Ihnen dafür geben, besteht darin, dass Sie, ganz gleich ob Sie im privaten Haushalt oder in einer Institution tätig sind, auf den Subtext der Aggressivität und damit des Verhaltens und der Gefühlsäußerungen des erkrankten alten Menschen achten sollten. Was heißt das? Was ist Subtext?

Unter Subtext verstehen wir das, was „zwischen den Zeilen“ zu hören ist. Um ein Beispiel zu nehmen, dass das veranschaulicht: Wir sitzen in einem Café und hören, wie am Nebentisch ein Ehepaar sich darüber unterhält, ob sie eine neue Küche anschaffen oder das Geld lieber in einen Urlaub investieren sollten. Scheinbar unterhalten sie sich sachlich, bringen Argumente vor und wägen ab. Doch der Klang in ihren Stimmen lässt frösteln, die Blicke, die sie sich im Gespräch zuwerfen, sind kalt und feindselig, die Atmosphäre, der wir eigentlich Unbeteiligt uns nicht entziehen können, entspricht eher einem kalten Krieg, als einer sachlichen Diskussion. Der sachliche Inhalt des Gespräches, der sachliche „Text“ dreht sich um eine Güterabwägung – der darunter liegende Text, also der „Subtext“, beinhaltet einen massiven Machtkampf.

Wie können Sie einen Subtext erfassen?

Dazu sind also drei Elemente wichtig:

– Erstens sollten Sie nicht nur auf die Worte hören, sondern auch auf das achten, was zusätzlich zu den Worten ausgedrückt wird: der Klang und die Tonlage der Stimme, die Art der Blicke, die Gesten, die Körperhaltung und dergleichen mehr.

– Zweitens gehört zwingend dazu, dass Sie darauf achten, wie das Gesagte auf Sie wirkt, welche Resonanz in Ihnen entsteht, welches Echo es in Ihnen hervorruft. Um auf das Beispiel zurückzukommen, bei dem wir unfreiwillige Zeugen des Gesprächs des Ehepaars im Café waren: Wir spürten am eigenen Leib die Atmosphäre der Kälte und des Kampfes, die in uns Gereiztheit und Aggressivität hervorriefen.

Nehmen wir ein Beispiel:

Herr O. beschimpft seine Frau: „Fass mich nicht an! Du willst doch nur mein Geld!“ Seine Frau, die ihn pflegt, ist angesichts dieser Aggressivität fassungslos. Wäre sie trotz ihrer Betroffenheit in der Lage, genauer hinzuschauen, würde sie merken, dass die Augen von Herrn O. nicht aggressiv wirken, sondern eher unstet und hilflos hin und her flackern, ängstlich, ja sogar flehend. Und wenn Frau O. ernst nehmen würde, was in ihr als Resonanz auf das Geschimpfe von Herrn O. entsteht, dann würde sie Fassungslosigkeit und vor allem Hilflosigkeit feststellen können. Denn so ist es. Der Subtext der aggressiven Äußerungen von Herrn O. ist seine eigene Hilflosigkeit. Für Frau O. wäre es wichtig (auch für sie selbst), nicht nur auf die aggressiven Äußerungen ihres Mannes zu reagieren, sondern auch und möglichst vor allem auf dessen Hilflosigkeit. Damit könnte sie seiner Aggressivität den Boden entziehen.

– Auf einer dritten Ebene, die insbesondere bei der Pflege und sonstigen Begleitung von Menschen mit Demenz bedeutsam ist, um den Subtext aggressiven Verhaltens zu verstehen, ist es notwendig die Frage zu stellen: Was war davor? Was hat der alte Mensch vor dem aggressiven Ausbruch erlebt?

Wenn Frau O. dieser Frage nachgeht, bemerkt sie, dass Herr O. seine Windel eingenässt hat. Dies ist ihm peinlich und ein äußeres Zeichen seiner inneren Hilflosigkeit, die bei ihm wie bei vielen anderen Menschen oft zu aggressiven Ausbrüchen führt.

Wenn Frau O. nur auf die aggressiven Äußerungen eingeht, ohne auf den Subtext zu achten, würde der Konflikt und damit auch die Aggressivität eskalieren. Sie würde wahrscheinlich antworten, dass sie doch nur das Beste für ihn wolle und ja schließlich seine Frau sei und das Geld ja sowieso nicht reichen würde, um sie für die Pflege zu bezahlen usw. Er würde wieder seiner Antwort weitere aggressive Äußerungen hinzufügen, sie würde sich wiederum noch mehr verteidigen, er würde sich noch mehr in die Aggressivität hineinsteigern, usw.

Was hätte Frau und Herrn O. in dieser Situation geholfen?
Die wesentliche Möglichkeit, eine solche Eskalation zu vermeiden, hätte darin bestanden, auf den Subtext zu hören. Eventuell die Scham anzusprechen oder auf sie ohne Worte zu reagieren und vor allem auf die Hilflosigkeit von Herrn O. einzugehen.
Und was hilft Frau O. oder Ihnen, auf den Subtext hören zu können?
Als erster Schritt in brenzligen Situationen hilft: Innehalten. Das bedeutet, nicht gleich zu handeln, sondern zuerst einmal wahrzunehmen, was in dieser Situation gerade passiert. Ganz praktisch: erst einmal durchatmen, zwei bis drei bewusste und tiefe Atemzüge (nur “21, 22, 23” zu zählen reicht meist nicht). Dann hätte Frau O. sicherlich die eingenässte Einlage bemerkt und damit der Quelle der Aggressivität ihres Mannes Aufmerksamkeit schenken können. Als Konsequenz daraus würde sie dann – Scham mit im Handgepäck – ihren Mann ins Badezimmer begleiten …Es gelingt natürlich nicht immer, dass dann die Aggressivität schnell schwindet, aber in den meisten Fällen ist die Reaktion auf den Subtext der entscheidende Schritt.
Hilfreich wäre es und vorbeugend für ähnliche Situationen, wenn sie ihm danach etwas Schönes anbieten würde, wie z. B. das Angebot, ihn sein geliebtes Rasierwasser riechen lassen, ihn auch ohne vorherige Rasur zu betupfen, ihm ein Entspannungsbad zu gönnen …
Auch in Heimsituationen sind solche Subtexte aggressiver Haltungen häufig anzutreffen:

Frau D. sitzt im Tagesraum und plötzlich ist ihre Unruhe spürbar. Sie rutscht auf ihrem Stuhl hin und her und tippt erregt mit den Fingern auf dem Tisch. Eine Pflegekraft bemerkt ihr verändertes Verhalten und als Frau D. bemerkt, dass sie sich ihr nähert beginnt sie zu schimpfen: „Unverschämt, wie man hier mit alten Menschen umgeht! Das ist doch unerhört. Keine Ruhe findet man hier“.
Zunächst ist die Altenpflegerin fassungslos. Sie möchte helfen und die Dame schimpft heftig, lange bevor sie vor ihr steht. Als die Pflegekraft nah bei ihr ist, bemerkt sie, dass die Augen von Frau D. sie nicht aggressiv ansehen, sondern eher hilflos und flehend. Und dann sieht sie den nassen Fleck auf dem Stuhl.
Wenn die Pflegekraft den Subtext der Situation, d.h. der Beschimpfungen von Frau D. versteht, weiß sie, dass nicht sie mit der Beschimpfung gemeint ist.
Wertschätzend und die Scham vermeidend, wird sie Frau D. bitten, sie in ihr Zimmer zu begleiten und dort ihre Kleidung wechseln.

Und bitte bedenken Sie: Den Subtext zu spüren, ist nicht nur wichtig für die Pflegenden. Gerade Menschen mit Demenz spüren den Subtext der Pflegenden. Sie haben sicher schon Situationen beobachtet, in denen Pflegende sagen “Das macht doch nichts.” – und gleichzeitig mit angewidertem Blick und „spitzen Fingern“ die durchnässte Einlage entfernen. Und Sie werden bemerkt haben, dass Menschen mit Demenz mit Verunsicherung darauf reagieren, wenn Gestik, Mimik und Tonfall nicht mit der Handlung übereinstimmen. Auch Menschen mit Demenz können den Subtext verstehen! In diesem Fall wäre es besser, offen auszusprechen: “Das riecht aber unangenehm!” Und fortzufahren: “UND das mache ich weg und dann wird es besser.”

Erregung verringern

Sehr häufig drückt sich die Desorientierung und die grundlegende Verunsicherung alter Menschen mit Demenzerkrankungen in einer erhöhten Erregung aus. Wer in einer fremden Stadt eine Adresse sucht, um zu einem vereinbarten Zeitpunkt dort andere zu treffen und sich dabei verirrt und verspätet, wird wissen, dass eine solche Situation nicht gerade entspannend ist. Man wird unruhig und verkrampft, man strengt sich noch mehr an und es gelingt einem wahrscheinlich noch viel weniger, den vereinbarten Ort zu finden. Hohe Erregung kann sich immer in Aggressivität entladen, sei es in Worten oder Taten, gegenüber Gegenständen oder gegenüber Menschen. Deswegen ist alles gut, was Erregung reduziert. Ein solch klares Verhalten Menschen mit Demenzerkrankungen gegenüber kann häufig Erregungsschübe möglichst frühzeitig im Keim ersticken lassen und damit Aggressivität und Gewaltaktionen vorbeugend verhindern, auch wenn dies nicht immer gelingen wird. Aber mit hoher Wahrscheinlichkeit können die Pflegenden so Aggressivität vorbeugen.

Frau C. sitzt am Tisch und hört im Radio Musik. Ein Lied aus einer Operette wird gespielt, die Frau C. sehr mag und die sie an alte Zeiten erinnert. Ihre Tochter kommt hinzu und bringt ihrer Mutter eine Tasse Kaffee und eine Schale mit kleingeschnittenem Obst. Die Mutter ignoriert das Angebotene und konzentriert sich weiter auf die Musik. Die Tochter fragt dazwischen, ob sie den Kaffee einschenken soll. Und sie drängt: „Iss doch das Obst. Das ist gesund. Ich habe es dir so schön kleingeschnitten.“
Jetzt schaut Frau C. zunehmend irritiert zu ihrer Tochter, dann wieder zum Radio, dann auf den Kaffee und die Obstschale. Und steht schimpfend auf und verlässt den Tisch und ihre Tochter.

Offenbar war Frau C. von der Radiomusik aufgeregt, aus welchen biografischen Erinnerungen auch immer. Wenn dann noch andere Anforderungen hinzukommen, dann kann aus der lieb gemeinten Aufforderung, doch das Obst zu sich zu nehmen, eine Überforderung werden und die Erregung sich in aggressiven Äußerungen, hier verbunden mit Flucht, entladen. Die Tochter versteht nicht, was sie „wieder einmal falsch gemacht“ hat und ist, wo sie sich doch so viel Mühe gemacht hat, gekränkt. Wenn die Tochter dann mit defensiven Rechtfertigungen oder aggressiven Gegenvorwürfen reagiert, dann wird sich Situation noch hochschaukeln.

Wer als an Demenz erkrankter Mensch so hoch erregt ist, dass diese Erregung sich in Aggressivität äußert, befindet sich in einem Erlebenstunnel. In diesem Tunnel wird nur noch das wahrgenommen, was die Hocherregung betrifft, alles andere drum herum wird ausgeblendet. Deswegen helfen auch keine Argumente und Rechtfertigungen der Tochter, wie viel Mühe sie sich gegeben habe und dass sie ihr das nicht antun dürfe, sie so zu beschimpfen. In dem Erlebenstunnel der Mutter kommt nur an, dass sie etwas nicht kann, dass sie etwas falsch macht oder gar selbst falsch ist, was ihre Erregung noch mehr verstärkt und somit auch deren Aggressivität.
Es ist deswegen sinnvoll, von Seiten der Pflegenden auf einen „Kampf“ darum, wer Recht hat und was wie gemeint war, zu verzichten und sich stattdessen nur auf die Erregung einzustellen. Wenn die Tochter ebenfalls aufsteht und die Mutter eine Weile begleitet, während sie in der Wohnung umhergeht, und so gut wie möglich Kontakt mit ihr hält, sich vielleicht sogar einhakt oder ihre Hand nimmt, wenn das möglich ist, dann wird die Mutter sich beruhigen und dann kann sie auch wieder offen für den Kontakt mit ihrer Tochter werden.

Mit Verwechslungen umgehen

Bei der Betrachtung der unterschiedlichen Quellen aggressiven Verhaltens haben wir darauf hingewiesen, dass Sie, insbesondere wenn Sie Menschen mit Demenz pflegen, häufig Verwechslungen ausgesetzt sind. Auch dafür ein Beispiel:

Herr D. betritt das gemeinsame Zimmer, das er mit seiner Frau im Altenheim bewohnt. Seine an Demenz erkrankte Frau befindet sich schon im Raum und schreit auf: „Hilfe, ein fremder Mann! Raus hier, raus hier!“, und geht schimpfend und schlagend auf ihn zu. Der Mann ist tief verletzt, 52 Jahre lang ist er mit dieser Frau verheiratet und nun hält sie ihn für einen Fremden und verweist ihn des Zimmers. Er wehrt sich und sagt: „Ich bin doch dein Mann, ich bin doch deine Mann! Ich bin doch der Egon! Warum erkennst du mich denn nicht?!“ Doch seine Frau steigert sich immer mehr hinein, schreit panisch um Hilfe, fällt schließlich um und verletzt sich, so dass eine Mitarbeiterin geholt werden muss und die Frau eine Beruhigungsspritze bekommt.
Herr D. nimmt an einer Gruppe teil, in der Angehörige Rat und Hilfe erhalten und in dem solche Situationen durchgespielt werden. Herr D. erzählt von der Szene und wird gebeten, einmal in die Rolle seiner Frau zu schlüpfen. Ein anderer Kursteilnehmer übernimmt seine Rolle. Sie spielen nur ein bis zwei Minuten, dann wird Herrn D. schon klar, dass seine Frau voller Angst und Panik war und er sie gar nicht erreichte. All seine Gegenrede trieb sie noch stärker in die Angst hinein, bis kein Ausweg mehr sichtbar war. Die Kursleiterin fragte: „Was hätten Sie denn gebraucht?“ Er antwortet spontan: „Ruhe.“ Dann überlegt er und fügt an: „Etwas mehr Abstand, eine kleine Pause, eine Unterbrechung.“ Und das ist die erste Lehre, die er daraus zieht, als beim nächsten Mal wieder eine solche Situation zu entstehen droht. Als seine Frau ihn nicht erkennt und ihn des Zimmers verweist, geht er. Er wartet draußen und betritt dann nach einigen Minuten wieder das Zimmer. Die Frau ist ruhig und hat vergessen, was war. Diesmal erkennt sie ihn wieder.

Hilfreich, um Verwechslungen zu vermeiden, die zu aggressiven Handlungen führen, sind „Erkennungsmelodien“. Wenn Sie im Fernsehen die Tagesschau oder den Tatort schauen, dann gibt es eine Erkennungsmelodie, die allen, die zuhören, deutlich macht, dass es jetzt um die Tagesschau oder um den Sonntagsabend-Tatort geht. Viele Paare oder auch Eltern und Kindern haben solche Erkennungsmelodien, die manchmal nur ein kleines Summen oder ein mehrtöniges Pfeifen sind. Es kann sich dabei um die ersten Takte des Wiener Walzer handeln, den Sie früher oft getanzt haben, einen Schlager oder den Anfangstakt eines klassischen Stückes. Es sollte immer etwas sein, das Ihnen vertraut ist. Daran wird sich Ihr an Demenz erkrankter Angehöriger erinnern, auch wenn das kognitive Gedächtnis nicht mehr reicht, sondern nur noch das Gedächtnis des Leibes, das Gedächtnis der Sinne. Neben Klängen haben auch Düfte ihre Wirkung gezeigt, Erinnerungsgegenstände, Fotos, eine Kuckucksuhr oder anderes, was im Leibgedächtnis beider Personen verbindend enthalten ist. Wenn Herr D. jetzt das Schlafzimmer betritt, macht er das mit einer weißen Rose und übergibt sie seiner Frau. Sie liebt weiße Rosen und es stehen immer im Flur vor dem Schlafzimmer einige bereit. Sie verbindet den Duft und das Aussehen weißer Rosen sowie die Art, wie er sie ihr überreicht, mit ihm. Wenn sie ihn nicht unmittelbar erkennt, dann über den Weg der weißen Rose.

Was hilft bei Überforderung? Einfachheit, Klarheit und Flucht

Überforderung macht unruhig und anspannt und kann so zu aggressivem Verhalten führen. Das gilt insbesondere für Menschen mit Demenz, aber nicht nur für diese. Ältere Menschen sind in dem berühmt-berüchtigten „Multi-Tasking“ nicht geübt und reagieren mit Überforderung, wenn zu viel auf sie einströmt. Das ist wichtig zu wissen. Was jeweils das „Zu-Viel“ sein kann, das müssen Sie sich wie immer für die jeweilige Persönlichkeit und die jeweilige Situation zu erschließen versuchen. Könnten die aggressiven Äußerungen davon herrühren, dass etwas an den Sinnesreizen und Handlungserwartungen, die auf den alten Menschen einströmen, schlicht zu viel? Viele alte Menschen werden diese Frage, wenn Sie sie ihnen stellen, nicht beantworten können, manche sie auch nicht beantworten wollen – denn oft gebietet ihnen ihr (verzweifelter) Stolz und ihr Selbstbild, alles können zu wollen. Ein „Zu-Viel“ darf da nicht vorkommen. Also müssen Sie als Angehörige/r oder als Pflegekraft oft selbst versuchen, diese Frage zu beantworten. Gehen Sie Ihren Vermutungen nach, versetzen Sie sich in die Lage der älteren Person und probieren Sie aus, wie es ist, zu viel auf einmal bewältigen zu müssen, und genießen Sie die Experimente, wenn nicht so viel auf einmal angeboten wird, sondern „schön eins nach dem andern“.

Wieder ein Beispiel:
Es ist Mittagszeit und alle 14 Bewohner des Wohnbereiches haben sich zum Mittagessen eingefunden. Das Radio läuft, das Essen wird verteilt. Es ist Sonntag und vom CD-Spieler erklingt Rudolf Schock. Die Präsenzkraft stellt den Teller Suppe auf den liebevoll gedeckten Tisch mit Servietten und gleich hinterher den Pudding und ein Schälchen mit Obst.
Auf dem Tisch vor Frau Sommer steht auch noch die Flasche Maggi und ein Glas Wasser.
Die Mitarbeiterin schaut liebevoll auf den schön gedeckten Sonntagstisch. Frau Sommer jedoch sieht zunehmend irritiert auf vom Teller, zur Maggiflasche, zum Puddingschälchen, zum Obst, dreht sich zur Musik um und dann wieder zum Wasserglas. Sie schüttelt den Kopf und verlässt schimpfend den doch so scheinbar liebevoll gedeckten Tisch.

Was ist passiert? Die Mitarbeiterin hat Frau Sommer überfordert. Und das in mehrfacher Hinsicht. So viele Angebote sind zu viel für einen Menschen mit Demenz, das überfordert sie und treibt sie in Erregung. Menschen mit Demenz brauchen Klarheit und Einfachheit. Das, was gegessen werden soll, kommt jetzt auf den Teller und sonst steht dort nichts. Wenn dieser Gang vorbei ist, dann kann der Nachtisch kommen …

Eins nach dem anderen, so einfach und so klar wie möglich. So kann Erregungsschüben vorgebeugt werden und so können aggressive Ausbrüche vermieden werden.
In diesem Beispiel hat die Mutter relativ schnell mit Aggressivität reagiert, so dass sich die Überforderung als Quelle ihrer Aggressivität schnell erschließen konnte. In anderen Situationen reagieren überforderte Menschen mit Flucht. Eigentlich sehr verständlich: Wenn es einem zu viel wird, dann versucht man, dieser Situation zu entgehen, diese Umgebung zu verlassen. Wieder andere erstarren in Überforderungssituationen. Sie beamen sich aus der Situation heraus, reagieren äußerlich gar nicht mehr, sitzen z. B. nur da und schauen vor sich hin. Zumindest dann, wenn Ihnen dieses Verhalten auffällt, weil es für die betreffende Person ungewöhnlich ist, ist Vorsicht geboten. Denn diese Erstarrung enthält oft große Anspannung und innere Erregung, die sich bei einem geringen Anlass entladen kann, der oft ganz harmlos aussieht und manchmal geraume Zeit später geschieht. Hier scheint die Überforderungssituation gleichsam „gespeichert“ zu sein und entlädt sich irgendwann später, so dass Sie dann nur noch schwerlich auf die Idee kommen, dass die Aggressivität etwas mit Überforderung zu tun haben könnte.
Deshalb: Wenn Sie aggressivem Verhalten begegnen, das sie sich nicht erklären können, forschen Sie vorangegangenen Überforderungssituationen nach und suchen Sie nach Signalen, die der Erstarrung vorher gingen. Das kann sich lohnen und helfen, künftigen Aggressivitäten vorzubeugen. Wenn Sie den Verdacht haben, dass ein alter Mensch auf Überforderung mit Erstarrung reagiert, kann es sinnvoll sein, nicht nur die Überforderung zu reduzieren, sondern mit ihm aus der gesamten Situation zu entfliehen, zum Beispiel aufzustehen und mit ihm das Zimmer zu verlassen. Den Impuls, aus einer solchen Situation zu entfliehen, haben viele alte Menschen. Doch sie sind oft seelisch oder körperlich nicht mehr dazu in der Lage, diesen Impuls in Taten umzusetzen.
Deshalb brauchen sie Unterstützung bei der Flucht. Lieber Flucht als Aggressivität!

Quelle : Wenn Menschen mit Demenz gewalttätig werden – was tun? – Alter und Würde (alter-und-wuerde.de)